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Predigt des Leitenden Pfarrers von Köln-Mitte in der Festmesse der Wallfahrtswoche, 8.9.2022:Predigt zu Mariä Geburt

„Das Geburtsfest seiner allzeit jungfräulichen Mutter festige und mehre den Frieden auf Erden.“ Liebe Schwestern und Brüder, so haben wir gerade im Tagesgebet gebetet. „Das Geburtsfest Mariens festige und mehre den Frieden auf Erden.“ 30 Jahre lang tobte der Krieg in Europa, der schrecklichste, furchtbarste, grausamste seit Menschengedenken. Konfessionen kämpfen gegen Konfessionen, Völker gegen Völker, Staaten gegen Staaten. Soldaten marodieren und brandschatzen durch die Landschaften, Städte werden belagert, Häuser in Brand gesteckt, Kinder verschleppt, Frauen vergewaltigt. Ein Feuersturm des Hasses und der Willkür fegt durch den Kontinent. Keiner kann sich mehr seines Lebens sicher sein, Familien werden auseinandergerissen, viele flüchten in Panik. In dieser aufgewühlten Zeit suchten fünf Töchter der Hl. Teresia von Avila Schutz in Köln. 1630 flohen sie aus den Niederlanden, 1635 übernahmen dann die Schwestern den Neuenahrer Hof in der Kupfergasse. Und genau in dieser Zeit schrieb der schlesische Dichter Andreas Gryphius ein Sonett. ....
Schwarze-Muttergottes
Datum:
8. Sep. 2022

Es ist wohl das berühmteste Gedichte der Barockzeit. Es trägt den Titel: Thränen des Vaterlandes / Anno 1636

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret !
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.
Die Türme stehen in Glutt / die Kirch ist umgekehret.
Das Rathauß liegt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /
Die Junfern sind geschänd`t / und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.
Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.
Dreymal sind schon sechs Jahr / als unser Ströme Flutt /
Von Leichen fast verstopfft / sich langsam fort gedrungen.
Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /
Was grimmiger denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth
Das auch der Seelen Schatz / so vielen abgezwungen.


Wahrhaft biblische Bilder durchziehen dieses Gedicht, die man, einmal gelesen oder gehört, nie mehr vergisst. Der Krieg zerstört alles Bisherige, stürzt alles um, kein Stein bleibt auf dem anderen. Tod, Pest und Hunger durchstürmen wie die apokalyptischen Reiter die Lande, hinterlassen eine Schneise der Verwüstung und Verwesung. Aber am Schluss des Gedichtes wird etwas angedeutet, was noch schlimmer ist, als alle diese schrecklichen Ereignisse. Der Dichter benennt es nicht, wir können es nur erahnen: Auch die Seele nimmt Schaden. Damit ist wohl gemeint, dass ein Riss durch die Schöpfung geht, die Gottebenbildlichkeit des Menschen befleckt wird. 
Der Krieg ist eine Ausgeburt der Hölle. Dies erfahren wir gerade in diesen Wochen und Monaten. In der Ukraine werden Städte und Dörfer bombardiert, Kirchen und Klöster zerstört, Menschen vergewaltigt, verschleppt und getötet. Sinnlose, brutale, menschenverachtende Gewalt herrscht. Die niedrigsten Instinkte werden hemmungslos befriedigt, ein ganzes Volk, seine Geschichte und seine Identität werden geschändet.
Wie kann da ein Frieden zustande kommen, wie können die Menschen wieder zur Besinnung kommen, was kann sie zur Umkehr bewegen? Sicherlich, hier sind die Staatsmänner und Diplomaten gefragt, aber auch die Gerichte, die über den Aggressor dereinst ein Urteil zu fällen haben. 
Was ist hingegen unser Anteil am Frieden. Sind wir nicht selber aufgefordert, am Frieden mitzuwirken, am Frieden zwischen den Völkern, aber auch am Frieden zwischen den Menschen. Wie ist es um uns selbst bestellt, tragen wir Hass und Zwietracht in unserem Herz, bestimmen uns Neid und Missgunst in unserem täglichen Umgang, verbreiten wir Verleumdungen und Verfälschungen?
Denn Frieden beginnt ganz konkret und unmittelbar bei uns selbst. Wir sind aufgerufen, täglich, unablässig an ihm mitzuwirken.
Dazu können uns drei Prinzipien helfen, die ich kurz mit Ihnen, liebe Brüder und Schwestern, bedenken möchte. Zum Frieden tragen – meiner Ansicht nach -  bei: Wahrheit, Gerechtigkeit und Demut. Und die Heilige Gottesmutter, auf deren Fürsprache wir vertrauen, kann uns bei diesem Bemühen leuchtendes Vorbild sein.
Wahrheit: Die Wahrheit ist das erste Opfer eines Krieges. Nachrichten werden manipuliert, Fakten gefälscht, Bilder gefaket. Ein Lügengebäude entsteht, aus dem man selber nicht mehr herausfindet. Aber ein Zusammenleben ist nur dann möglich, wenn wir auf die Richtigkeit des Gesagten und Gemeinten im täglichen Leben vertrauen können. Wenn wir ständig andere täuschen, verlieren wir jegliche Glaubwürdigkeit. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es einer ständigen Prüfung unseres eigenen Handelns und Sagens. Das setzt ein hohes Maß an Gewissenserforschung und „Unterscheidung der Geister“ voraus. 
Aber das ist es uns wert, wenn wir dadurch der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen. So mahnt uns der Hl. Paulus, wenn er sagt: Darum legt ab die Lüge, ein jeder rede die Wahrheit mit seinem Nächsten; denn wir sind Glieder untereinander.  Dazu sind wir bestimmt, wenn wir dem nachfolgen, der von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.
Gerechtigkeit: Nur ein Land, ein Volk, das gerecht regiert wird, kann in Frieden und Wohlstand miteinander leben. Ungerechtigkeit führt unweigerlich zu Aufruhr und Hass. Beim Hl. Augustinus lesen wir daher: Fehlt die Gerechtigkeit, was sind dann die Reiche anderes als große Räuberbanden ? Die Gerechtigkeit ist somit das unabdingbare Fundament jeder Gesellschaft. Auch da hilft es uns, auf uns selbst zu schauen, auf unseren Alltag. In der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde: seien wir wachsam im Bemerken, wenn andere ungerecht, unangemessen, würdelos behandelt werden, schreiten wir ein bei Beleidigungen und Bedrohungen. So heißt im Buch der „Sprüche“: Gerechtigkeit üben und Recht ist dem Herrn lieber als Schlachtopfer
Demut: Wie viel Hass, Zwietracht und Krieg entstehen durch Hochmut und Verachtung. Ein Volk fühlt sich dem anderen überlegen, „Übermenschen“ sprechen „Untermenschen“ ihr Existenzrecht ab, Leben soll ausgelöscht werden, weil es nicht den Normen der Effizienz und der Arbeitsleistung entspricht. An vielen solchen Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart können wir das Gift der Hybris, die „Kultur des Todes“ erkennen. Das widerstreitet der göttlichen Ordnung, denn wir sind  als Kinder des einen Vaters alle gleich, jeder Mensch ist ein Gedanke, ein Wunsch Gottes. 
Liebe Schwestern und Brüder! Jeden Tag sind wir erneut aufgerufen, unseren Beitrag zum Frieden zu leisten. Keinesfalls die Hoffnung aufzugeben, keinesfalls die Hoffnung aufzugeben, immer wieder neu zu beginnen. Wir feiern heute das Fest der Geburt Mariens. Geburt ist immer ein Neuanfang, eine Verheißung, eine Ermöglichung. Jede Geburt ist ein Zeichen der Hoffnung: Es kann weitergehen, es gibt eine Perspektive, einen Horizont. Jede Geburt widersetzt sich dem Verfall des Todes. 
Und so muss es auch unseren Vorfahren ergangen sein, als der 30jährige Krieg endlich beendet wurde. In großer Erschöpfung lag unser Vaterland darnieder, müde und ausgebrannt schauten die Menschen um sich, sammelten ein, was noch vorhanden war und bauten wieder neu auf. Sie vertrauten auf die Fürsprache der Gottesmutter, die Königin des Friedens. 27 Jahre nach dem Ende des Krieges, mit dem Beginn einer neuen Generation, errichteten sie hier am 8. September 1675 die lauretanische Kapelle, als sichtbares Zeichen eines Neubeginns aus Zerstörung und Krieg.
Als Versprechen und Verheißung eines Friedens, den nur das Kind Mariens uns spenden kann: Ehre sei Gott in der Höhe / und Friede auf Erden / den Menschen seines Wohlgefallens. Amen.

 

 

                 

Domkapitular Pfarrer Dr. Dominik Meiering
Koordinator Sendungsraum Kölner Innenstadt

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